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Corona-Datenspende: Ein Fieberthermometer für Deutschland

Datenschützer*innen und Netzaktivist*nnen sind mit der neuen Datenspende-App des Robert Koch-Instituts nicht zufrieden. Zu intransparent, zu schlecht kommuniziert. Doch was kann das Institut aus den Pulsdaten von Hunderttausenden in Deutschland überhaupt ablesen? Ein Interview von netzpolitik.org mit Dirk Brockmann, Leiter der Arbeitsgruppe Epidemiologische Modellierung.

von hih

Auf den ersten Blick ist diese App für das Robert Koch-Institut (RKI) ein voller Erfolg. Rund 400.000 Menschen in Deutschland haben bereits zugestimmt, dem RKI über eine App intimste Informationen über ihren Körper zu überlassen. Sie messen ohnehin schon ihren Puls oder ihren Schlafrhythmus mit Hilfe von tragbaren Sensoren am Körper. Diese Informationen teilen sie nun mit dem RKI, täglich.

„400.000 Menschen, das ist mehr als ich je erwartet hätte,“ sagt Dirk Brockmann. Brockmann ist Professor im Fachbereich Biologie der Humboldt Universität. Am RKI leitet er eine Arbeitsgruppe, die mit Hilfe dieser Daten Modelle der Epidemie baut. „Mathematik der Viren“ nannte das die Süddeutsche Zeitung einmal. Sie sollen im Kampf gegen Covid-19 dabei helfen, Vorhersagen zu treffen über die Dunkelziffer der Infizierten und die nächsten Hotspots. Kurz: dem Virus einen Schritt voraus zu sein statt drei Schritte hinterher. Brockmann ist auch einer der Autoren der Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina zur Pandemie, die vergangenen Woche für Aufsehen sorgte.

Doch für die vergangene Woche veröffentliche App mussten Brockmann und das RKI viel Kritik einstecken. Datenschützer:innen bemängelten unter anderem, dass die Forscher:innen die Technik eines Berliner Start-ups nutzen, die nicht quelloffen ist. Das heißt, dass Spender:innen darauf vertrauen müssen, dass ihre Daten geschützt sind, überprüfbar ist das nicht. Theoretisch könnten die App-Betreiber:innen beispielsweise die Pulsdaten einzelnen Personen zuordnen und so einiges über deren Lebensgewohnheiten und Gesundheitszustand ableiten. Die Gesellschaft für Informatik, die sich sonst nicht schnell zu vernichtenden Urteilen hinreißen läßt, bemerkte nur trocken, die Anwendung erfülle in Hinblick auf Datenschutz und IT-Sicherheit nicht die grundlegenden Anforderungen. Die App sei „überraschend schlecht gemacht und daher dem Schutz der Bevölkerung eher abträglich“.

Wie kam es zu der Entscheidung? Was lässt sich aus den Ruhepulsdaten von Hunderttausenden Menschen in Deutschland für Brockmann und seine Kolleg:innen überhaupt ablesen? Wie gelangt man von dort zur Dunkelziffer der Infektionen, die das RKI zu entschlüsseln hofft? Darüber sprachen wir mit Dirk Brockmann, der – versteht sich – zu Hause im Home Office sitzt.

netzpolitik.org: Wann ist die Idee entstanden, die Ruhepulsdaten von Menschen in Deutschland mit einer Datenspende-App zu sammeln?

Dirk Brockmann: Über Datenspende an sich denke ich schon Jahre nach, also eine Schnittstellen zu schaffen, über die Bürgerinnen und Bürger mit der Wissenschaft zusammenarbeiten können. Soziale Netzwerkdaten und Gesundheitsdaten werden ja derzeit von Fitbit und anderen Anbietern von Wearables abgesaugt und an Dritte weiterverkauft, die Firmen verfolgen damit kommerzielle Ziele. Für die Gesundheitsforschung wären diese Daten aber ebenfalls wertvoll. In den USA gibt es bereits solche Plattformen, wo man seine Daten für die Forschung zur Verfügung stellen kann, die man selbst sinnvoll findet. Ich fand diese Idee eines solchen Datentreuhänders genial, weil man eine vertrauenswürdige Instanz schafft, die vermittelt.

netzpolitik.org: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Gesundheits-Startup Thryve, die die Datenspende-App für das RKI entwickelte?

Dirk Brockmann: Anfang März kam der Gründer Paul Burggraf auf mich zu und sagte, er habe eine Technologie, die für uns interessant sein könnte. Er kannte meine Forschung und zeigte mir eine Studie, die zeigte, wie man aus Puls- und Schlaffrequenzdaten Fiebersymptome ableiten und Epidemien verfolgen kann. Ich war gerade am RKI dabei, Modelle für die Covid-19-Pandemie zu erstellen. Wir wollten das hochauflösender machen: nicht nur auf ganz Deutschland schauen, sondern auf einzelne Landkreise. Damit wollten wir neue Infektions-Hotspots wie Heinsberg früh erkennen. Gleichzeitig wusste ich, dass das Meldesystem der Gesundheitsämter durch sehr alte Strukturen behindert wird, da werden noch Faxe verschickt (Hier haben wir ausführlich darüber berichtet). Das machte mir Sorgen, dass die gemeldeten Fallzahlen keine gute Stichprobe der Realität mehr sind.

In dieser Situation kam Thryve auf mich zu. Ich dachte: Wenn wir nach Landkreisen aggregiert Symptomatik messen können und sehen könnten, in diesem Landkreis haben zehn Prozent mehr Leute Fieber als man erwarten würde, dann hätte man ein Maß für den Infektionsgrad dort. Im Prinzip ist diese App ein Fieberthermometer auf Landkreisebene in Echtzeit – wenn es funktioniert.

 

Grippe oder Covid-19?

netzpolitik.org: Aus dem erhöhten Ruhepuls einer Person lässt sich also laut einer Studie ableiten, dass jemand wahrscheinlich Fieber hat. Das könnte aber auch an einer einfachen Grippe liegen.

Das ausführliche Interview finden Sie hier: Fieberthermometer für Dtl

Grafik: Thryve