Corona, Smart Praxis, Gesundheit 2025

Die Stunde(n) des ÖGD

Die Mitarbeiter:innen der Gesundheitsämter tragen durch ihren hohen persönlichen Einsatz entscheidend zur Bewältigung der Pandemie bei. Dr. med. Ute Teichert leitet die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, die sich schon längst auf digitale Pfade begeben hat. Nun setzt sie sich dafür ein, dass diese Eingang in die Realität finden.

von hih

Sie blicken auf ein anstrengendes halbes Jahr zurück – welches waren die größten Überraschungen für Sie in den vergangenen Monaten?
Ich bin jetzt seit über 20 Jahren im Öffentlichen Gesundheitsdienst tätig und hätte es mir nie träumen lassen, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst mal so in die Öffentlichkeit kommt. Tatsächlich habe ich im Moment das Gefühl an einer historischen Entwicklung teilzunehmen. Es ist eine große Chance, jetzt die längst notwendigen Veränderungen und Reformprozesse für den Öffentlichen Gesundheitsdienst einzuleiten.

Dem ÖGD wurde eine nie zuvor beschriebene Aufmerksamkeit zu teil, viel wurde über sein Meldewesen und den ÖGD im Allgemeinen geschrieben – in welchem Zustand befindet sich der ÖGD aus Ihrer Sicht heute?
Nicht alles, was über die Medien transportiert wird, ist in dieser Form richtig. Natürlich wird im ÖGD noch mit allen Medien gearbeitet, so auch mit den Faxen, aber das Meldewesen ist seit Jahrzehnten auch digitalisiert. Viele Ämter haben auch eine moderne technische Ausstattung zur Verfügung, das Problem liegt aber häufig an den Schnittstellen und an der fehlenden Kommunikation untereinander. Da sehe ich erheblichen Verbesserungsbedarf.

Bei all dem Ungemach, die die Corona Pandemie mit sich bringt – welche positiven Aspekte hat sie für Ihre Arbeit mit sich gebracht?
In erster Linie bedeutet es für die Gesundheitsämter erheblich mehr Arbeit, die Kolleginnen und Kollegen vor Ort haben sehr viele Überstunden gemacht. Arbeiten im Schichtbetrieb rund um die Uhr und arbeiten am Wochenende. Alle brauchen jetzt erst einmal eine Erholungsphase.

Sicher ist es sehr positiv, dass die Politik jetzt auch den Öffentlichen Gesundheitsdienst wahrgenommen hat. Nun ist der Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst mit insgesamt 4 Mrd. € beschlossen worden. Das ist ein wichtiges und positives Signal. Ich erhoffe mir davon vor allem langfristig eine Verbesserung der Strukturen und der Personalausstattung.

Die Digitalisierung des ÖGD’s ist derzeit in aller Munde – an welchen Stellen hätten durch digitale Strukturen die Arbeitsergebnisse verbessert werden können?
Der Systemfehler in der Digitalisierung hier, ist die fehlende Interoperabilität und die damit einhergehende Schnittstellenproblematik. Man hätte durch einen flächendeckenden Einsatz des Programms SORMAS sicher frühzeitig wichtige Informationen zur Kontaktpersonennachverfolgung besser dokumentieren können. Einige Ämter haben spezielle eigene Lösungen entwickelt, das ist sehr positiv. Das Problem ist nur, dass man die Daten, die dort gesammelt wurden nur mit einem sehr hohen Aufwand zusammenführen kann. Wenn wir frühzeitig vernetzt gewesen wären, hätte man alle diese Sachen schneller angehen können. Gerade auch die Frage der Einbindung der Labortestergebnisse hätte auf digitalem Weg deutlich besser erfolgen können.

Im Zukunftspakt werden 4 Mrd. € für den ÖGD anvisiert. An welchen Stellen sehen Sie den größten Bedarf und wie können möglichst schnell Lösungen in die Realität gelangen?
Der Pakt ist ein erster wichtiger Schritt und ein deutliches Signal der Politik, den ÖGD zu unterstützen. Es wird jetzt vor allen Dingen darauf ankommen, dass das Geld auch in der Praxis ankommt. Adressiert ist vor allen Dingen die personelle Stellensituation mit insgesamt 5.000 neuen Stellen, aber auch die Themen „Attraktivität der Bezahlung“ und „Digitalisierung“ sind im Pakt mit enthalten. Genauso wie eine engere Anbindung an die Wissenschaft und einen höheren Stellenwert des ÖGD im Studium. Aus meiner Sicht müssen wir jetzt konsequent darauf achten, dass dies auch wirklich umgesetzt wird.

Wie schätzen Sie die Kapazitäten der Kolleginnen und Kollegen in den Gesundheitsämtern ein, sich parallel auch noch um Projekt zur Digitalisierung zu kümmern?
Das ist in der Tat ein großes Ressourcenproblem. Mehr als arbeiten können die Kolleginnen und Kollegen vor Ort auch nicht, und sie haben im Moment schon alle Hände voll zu tun. Von daher ist es dringend notwendig, dass eine zusätzliche Unterstützung von Spezialisten in diesem Bereich stattfindet. Dabei finde ich es ganz wichtig, dass dies zusammen mit den Gesundheitsämtern in einer engen Kooperation passiert, und nicht so, dass Projekte von außen den Gesundheitsämtern übergestülpt werden. Hier sehe ich vor allen Dingen die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in einer wichtigen Rolle, die genau diese Vernetzungsstruktur und auch die Kooperationen entwickeln und aufbauen könnte. Außerdem sind auch Fortbildungsveranstaltungen für den Digitalisierungsbereich an der Akademie gut anzusiedeln.

 

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