Magazin

Noch im Zuhör-Modus

Prof. Dr. Jörg Debatin ist der Chef des Health Innovation Hub, den der Gesundheitsminister zwischen Selbstverwaltung und Ministerium installiert hat. Im Gespräch mit f&w verriet der ehemalige Klinikchef, was er in drei Jahren bewirken will.

von hih

Der Minister hat den Health Innovation Hub (hib) mit großem Bahnhof eröffnet. Ganz klar ist aber nicht geworden, was Ihr Team für einen Auftrag hat. Was genau ist Ihre Aufgabe?
Ich würde unsere Aufgabe in drei Bereiche gliedern. Einerseits beschäftigen wir uns mit der Telematikinfrastruktur und der Frage, wie wir Digitalisierung in den vorhandenen Strukturen voranbringen können. Da geht es vor allem um die elektronische Patientenakte die zum 1. Januar 2021 eingeführt wird. Zweitens sind wir eine Anlaufstelle für Start-ups im Gesundheitswesen. Drittens sind wir Dialogplattform. Wir bringen die Player auf Veranstaltungen zusammen, und damit meine ich nicht nur Start-ups und Venture Capitalists. Es kann beispielsweise auch für Entscheidungsträger interessant sein, was gerade mit der automatisierten Bilderkennung in der Radiologie und Pathologie passiert. Wir stellen fest, dass Maschinen die Ärzte bei der Befundung von Bildern und Geweben zumindest unterstützen können und damit die Qualität erheblich steigern. Von solchen Beispielen gibt es viele. Wir wollen Querdenker zusammenbringen. Das Gute an so einem Hub ist, dass man Gespräche ganz anders führen kann. Wir wollen rausfinden, wo echte Schmerzpunkte liegen – und was nur vorgeschoben ist.

Das ist ein ganzer Batzen an Aufgaben. Haben Sie schon eine Herangehensweise – und einen Zeitplan?
Na, unseren Zeitplan können Sie sozusagen am neuen Digitalisierungsgesetz (DVG) ablesen. Derzeit befinden wir uns im Zuhör-Modus um herauszufinden, wer braucht was im Gesundheitswesen – unsere Antennen sind auf Empfang und wir sind auch jetzt schon dabei, berufene Akteure und Treiber zusammenzubringen und gemeinsame Pläne zu schmieden.

Sie haben lange in den USA gearbeitet. Was bringen Sie aus dieser Zeit ein, um die Strukturen hier zu verbessern?
In den USA ist die Digitalisierung in der Medizin deutlich weiterentwickelt. Treiber dieser Entwicklung sind übrigens auch viele Deutsche, die erfolgreich innovative Start-ups gegründet haben. Was wir nicht haben, ist ein Mangel an kreativen Köpfen. Wir haben – ich möchte sagen, wir hatten – einen Mangel an guten Rahmenbedingungen, der dazu führt, dass eben viele nicht wertschöpfend in Deutschland tätig werden. Das müssen wir ändern, ohne dabei die Dinge, die uns wichtig sind, wie die freie Arzt- und Versicherungswahl oder auch die zu Recht hohen Prüfhürden des G-BA, zu opfern.

Noch ist das DVG ja nicht beschlossen und wir müssen abwarten, was schlussendlich dabei auf die Straße kommt, aber die Ansätze darin lassen mich mit breitem Optimismus auf die vor uns liegende Arbeit schauen.

Haben Sie ein Budget, um Start-ups zu fördern?
Wir haben kein Geld, mit dem wir Unternehmen finanzieren, sondern wollen mit unserem Know-how in den verschiedenen Bereichen Innovatoren fit machen. Mit dem Rückenwind des neuen Gesetzes werden mehr Risikokapitalgeber bereit sein, mehr in die Gesundheitswirtschaft, mehr in die Zukunft zu investieren. Unser Ziel ist sozusagen, die alte Welt mit der neuen zu verheiraten.

Ein wichtiges Thema, bei dem derzeit Stillstand herrscht, ist die Interoperabilität. Der Gesetzgeber hat jetzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) damit beauftragt, Standards zu entwickeln. Was ist die Rolle des Hub?
Die KBV hat den einen klaren Auftrag, aber sie muss jetzt auch liefern. Aus meiner Sicht ist das wahrscheinlich die letzte Chance der Ärzteschaft, die Digitalisierung selbstbestimmt zu gestalten, sonst werden wir gestaltet – das sage ich jetzt als Arzt. Die KBV weiß auch, dass dieser Auftrag ein dickes Brett ist. Wir können mit Expertise und Moderation an den Schnittstellen zum Erfolg beitragen.

Hier lesen Sie das ganze Interview

TXT: Jens Mau, Bibliomed Verlag
Foto: Jan Pauls/hih2025